Samstag, 30. Juli 2011

Charlie Kaufman - Masterclass

Über Charlie Kaufman muss man nicht viele Worte verlieren, denn kaum ein Drehbuchautor hat durch seine Strukturexperimente in den letzten 10 Jahren einen derart unverwechselbaren Eindruck im amerikanischen Film hinterlassen. Hier eine 70-minütige Masterclass:

Dienstag, 26. Juli 2011

10 Fragen - Peter Probst

Peter Probst ist Drehbuchautor (u.a. verschiedene Tatorte, zuletzt "Jagdzeit" für den BR; "Die Hebamme - Auf Leben und Tod") und Buchautor (bisher zwei Krimis um Kommissar Schwarz: "Personenschaden", "Blinde Flecken" und zusammen mit seiner Frau Amelie Fried die Reihe "Taco und Kaninchen"). Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von München.


1.Warum schreibst Du?


Glaubt dem Probst kein Wort“, das war die übliche Reaktion in meiner Schulzeit, wenn ich eine Geschichte erzählte. Dabei passierten mir wirklich ständig merkwürdige und komische Dinge. Gut, manchmal habe ich meine Beobachtungen ein wenig ausgeschmückt oder wegen der Spannung in eine andere Ordnung gebracht. Aber gab das meinen Klassenkameraden das Recht, mir den Mund zu verbieten? Weil das Erzählen so dringend zu meinem Leben gehörte, habe ich in dieser Zeit zu schreiben begonnen. Vor allem Tagebuch, aber auch kleine Erzählungen. Meine literarischen Einflüsse waren so zufällig wie der Griff in die Bibliothek meines verstorbenen Großvaters, der Mitglied im Bertelsmann Lesering gewesen war. „Drei Kameraden“ von Erich Maria Remarque hat mich damals sehr beeindruckt und Gides „Die Falschmünzer“. Warum, weiß ich nicht mehr.


2. Wie schreibst Du?

Wenn es irgendwie geht, schreibe ich jeden Tag, weil ich sonst mit mir unzufrieden bin. Ich schleppe mich morgens noch halb ohnmächtig an den Computer und kontrolliere erst mal die Welt bei Facebook. Meistens weckt irgendein Posting mein Interesse, und mein Hirn beginnt zu arbeiten. Wenn es richtig auf Touren ist, wechsle ich zum aktuellen Exposé, Treatment oder Drehbuch. Ich habe das große Glück in einem Häuschen im Garten arbeiten zu können. Auf diese Weise werde ich weniger vom Familientrubel gestört, und bin trotzdem gleich da, wenn es zum Beispiel was zu essen oder spannende Nachrichten gibt. Seit einem halben Jahr habe ich ein MacBook, auf das ich auch Final Draft geladen habe. Die Software verwende ich aber nicht, genauso wie ich immer noch mit zwei Fingern schreibe. So werde ich durch technische Hindernisse wenigstens ein bisschen gebremst und zum Nachdenken gezwungen.

3. Hast du ein Lieblingswort?


Sehnsucht. Das schreibe ich aber nie in meine Drehbücher.


4. Wie entsteht ein Stoff?

Leider komme ich immer weniger dazu, eigene Geschichten zu entwickeln, weil Redakteurinnen und Produzenten so viele gute Ideen haben. „Möchtest du nicht was über eine Hebamme im frühen 19. Jahrhundert schreiben?“ Das wäre mir nie eingefallen. Ich hatte mich ja nicht mal mit Hebammen im 21. Jahrhundert beschäftigt. Trotzdem ist ein guter Film draus geworden. Ich kann mir Stoffe, die von anderen kommen, gut anverwandeln. Meistens sind es auch nur vage Ideen, entscheidend ist die Ausarbeitung. Ich würde lieber zwei Drehbuchfassungen mehr schreiben als ein Treatment. Doch darauf lassen sich die wenigsten Auftraggeber ein. Trotzdem halten sie sich hinterher nicht an die Absprachen aus der Treatmentbesprechung. Für mich selbst würde ein Szenenfahrplan mit Bemerkungen zu jedem Bild reichen. Nachdem ich früher fast nur erfunden habe, schätze ich inzwischen die Recherche. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es mir gelungen ist, in meinen Büchern sämtlichen Bereichen auszuweichen, von denen ich keine Ahnung hatte – bloß um nirgendwo anrufen zu müssen.

5. Wie strukturierst Du einen Stoff?

Da ich seit vielen Jahren angehende Drehbuchautoren unterrichte, bemühe ich mich, beim Schreiben die Theorie eher zu vergessen. Ich habe die Dramaturgie so verinnerlicht, dass ich beim Bau einer Geschichte meinem Instinkt folgen kann. Manchmal verwende ich Kärtchen für die Szenen, um andere Anordnungen ausprobieren zu können. Wenn mich meine erste Fassung nicht überzeugt, lasse ich sie eine Weile liegen. Mit etwas Distanz finde ich die dramaturgischen Fehler meistens recht schnell.

6. Kunst oder Quote?

Diese Frage stellt sich eigentlich nicht, weil wir alle unter dem Diktat der Quote stehen. Es geht viel mehr darum, dem Medium eine möglichst hohe Qualität abzuringen, ohne dabei das Publikum zu verlieren. Ich glaube, die wenigsten Drehbuchautoren verstehen sich als Künstler. Sauer werde ich, wenn mir Redakteure, Produzenten oder Regisseure zu sehr ins Handwerk pfuschen oder alles besser wissen zu meinen. Aber das ist nicht die Regel. Meistens verläuft die Zusammenarbeit recht produktiv.
 
7. Kino oder Fernsehen?

Ich bin Drehbuchautor geworden, weil ich das Kino liebe, und schreibe für das Fernsehen. Das hat damit zu tun, dass ich öfter erlebt habe, wie ein Projekt an der Finanzierung gescheitert ist. Angeblich hat es nie am Drehbuch gelegen. Ich will aber, dass meine Geschichten realisiert werden, bin ungeduldig und möchte außerdem weiter vom Schreiben leben. Da kann ich es mir nicht leisten, auf das Kino zu setzen. Trotzdem mache ich immer wieder einen Versuch. Halte mir die Daumen, dass es dieses Mal klappt. Zum Glück gehört das deutsche Fernsehen zu den weltweit führenden, und es passiert selten, dass ich mich für die Verfilmung eines Drehbuchs in Grund und Boden schämen müsste. Selbstverständlich wünsche ich mir von meinen Auftraggebern noch mehr Mut, inhaltlich und formal.

8. Nenne 3-5 Lieblingsfilme/-serien!
 
Six feet under.
Fargo.
Besser geht’s nicht.
The snapper.
Magnolia.

9. Drehbuchautoren in der Öffentlichkeit?


Es ist ein Witz, wie wenig Beachtung Drehbuchautoren finden. Es kommt vor, dass Kritiker explizit die Geschichte loben, ohne den Autor zu erwähnen. Auch wenn es lästig ist und larmoyant wirken mag, sollte man immer wieder darauf hinweisen, dass es ohne Drehbuchautoren keine Filme gäbe. Ich beobachte, dass immer mehr Zuschauer denken, wir würden nur Dialoge oder Regieanweisungen für Geschichten schreiben, die von „echten Schriftstellern“ stammen. Dabei sind Adaptionen ja die Ausnahme. Die meisten Drehbuchautoren sind Individualisten, trotzdem sollten sie sich dem Verband der Drehbuchautoren (VDD) anschließen, der ihnen eine Stimme gibt.

10. Dein wichtigster Ratschlag?

Schau weniger auf die anderen und entwickle das, wofür du wirklich begabt bist.
---

Montag, 25. Juli 2011

Jugendschutzbeauftragte stoppt neuen "Polizeiruf"

Da im neuen BR "Polizeiruf" der Staat als macht- und hilflos dargestellt wird, hat die Jugendschutzbeauftrage eingegriffen und eine Verschiebung der Ausstrahlung von 20:15 Uhr auf 22:00 Uhr erwirkt:
http://www.sueddeutsche.de/medien/kritik-an-br-polizeiruf-der-hilflose-staat-1.1124211

Freitag, 15. Juli 2011

Paul Abbott

Der Drehbuchautor und Producer Paul Abbott begann seine Karriere beim britischen "Lindenstraße"-Pendant "Coronation Street", bis er für die zweite Staffel von "Cracker" als Producer arbeitete und für die dritte Staffel auch zwei Bücher beisteuerte. Durch diesen Wechsel von der Soap zu "ernsthaften" Fernsehstücken konnte er darauf in einem Jahr drei Serien unterbringen: "Reckless", "Springhill" und die überaus erfolgreiche Krimiserie "Touching Evil".
Doch neben der Miniserie "State Of Play" (die von Hollywood kürzlich mit Russell Crowe als Film adaptiert wurde) ist es vor allem die Serie "SHAMELESS", die mittlerweile in der 8ten Staffel gelaufen ist, die Abbotts herausragende dramaturgische Fähigkeiten dokumentiert. In den "Shameless"-Büchern trifft die Leichtigkeit der Soap mit der Charaktertiefe "ernsthafter" Dramen zusammen und beweist die Richtigkeit des zu oft zitierten Sprüchleins: "Komödie ist Tragödie Plus Zeit." Erzählt wird die Geschichte einer Arbeiterfamilie von Frank, dem alkoholkranken Oberhaupt der Sippe.
Was neben der erfrischenden Tabulosigkeit, die nie ins Obszöne abdriftet, sondern durch die großartig geschriebenen Folgen abgefedert wird, ist die Tatsache, dass die Geschichten (immer gleichmäßig zwischen Drama und Komödie pendelnd, ohne aber in dieses schrecklich  Plastik-Genre "Dramedy" abzudriften) laut Abbott vor allem aus seinen persönlichen Kindheitserinnerungen stammt. Hier das herzergreifend offene Interview:

PS: "Shameless" wurde dieses Jahr mit William H. Macy in der Hauptrolle für's amerikanische Fernsehen adaptiert.

Montag, 11. Juli 2011

Autorenstreik 1973

Im Spiegel-Heft Nr. 21 aus dem Jahr 1973 erschien ein Artikel zum damaligen Autorenstreik in Hollywood. Klingt alles recht gegenwärtig: Gorilla im Streik

Sonntag, 10. Juli 2011

Gift für die Fernsehkultur - Interview mit Eva und Volker A. Zahn

Eva und Volker A. Zahn haben vor einiger Zeit für Tina Thieles Portal "casting-network" ein lesenswertes Interview gegeben, auf das ich hier verweisen will:
Gift für die Fernsehkultur

Eva und Volker A. Zahn schreiben für verschiedene Krimiformate und Fernsehspiele. Für ihren Film "Ihr könnt euch niemals sicher sein" erhielten sie 2009 den Adolf-Grimme-Preis.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Schirachs "Verbrechen" im ZDF

Das ZDF hat über Oliver Berbens Produktionsfirma eine - man höre und staune - Mini-Serie in Auftrag gegeben: Schirachs Bestseller "Verbrechen", in dem der Anwalt sich durch die Schilderung tatsächlicher, von ihm verteidigten Fälle, ein wenig das Herz erleichtert. Es sollen 6 in sich abgeschlossene Geschichten erzählt werden, die u.a. Andre Georgi, Nina Grosse und Jobst Oetzmann fürs Fernsehen adaptieren.
Da die einzige Horizontale der werte Herr Anwalt ist, könnte man die Episoden als kurze, abgeschlossene Krimis betrachten, die durch ein Konzept zusammengehalten werden, was an Produktionen wie Jimmy McGoverns "Accused" erinnert, das Anfang des Jahres erfolgreich auf der BBC lief. Man darf gespannt sein!