Samstag, 22. Oktober 2011

Interview: Richard Blank


Richard Blank schreibt seit über 30 Jahren Drehbücher, dreht Dokumentar- Fernseh- und Kinofilme, schreibt Hörspiele und in den letzten Jahren auch vermehrt Bücher. Im Alexander-Verlag erschienen neben einem Abriss über die Schauspielkunst des 20. Jahrhunderts das historische Standardwerk "Film & Licht" und in diesem Jahr "DREHBUCH. Alles Auf Anfang - Abschied von der Klassischen Dramaturgie".

1) Wie kann man ihr Buch "Drehbuch. Alles auf Anfang - Abschied von der Klassischen Dramaturgie" als Drehbuchautor so verwenden, dass es die Schreibarbeit bereichert? 

Das Buch ein zweites Mal lesen und dabei die Hoffnung, Rezepte zu finden, aufgeben. Vielleicht überträgt sich aber etwas von meiner Haltung. Dann: die Filme anschauen, die im Buch besprochen werden und nicht der "klassischen" Dramaturgie folgen. Sie sind so unterschiedlich, dass man Mut bekommen kann, die "klassischen" Regeln beiseite zu lassen  und anfängt,  neugierig auf sich selbst zu werden, auf das, was man in sich hat und ausdrücken will. 

2) Die zahlreichen Ratgeber, die mittlerweile auch den deutschen Markt bevölkern, haben gemeinsam, dass sie dem angehenden Drehbuchautoren eine Ausbildung im Handwerk für seine Kunst liefern wollen. Wieviel ist davon nützlich bevor es schädlich wird?

Natürlich ist es nützlich, zu  wissen, wie man eine spannende Story baut. Ich bin Krimifan. Wenn man aber glaubt, Story, Held, Antagonist, psychologische Stimmigkeit, etc. seinen unabdingbar für einen Film, dann liegt man daneben. Ich persönlich habe meine Filme gemacht, ohne je eines der Rezeptbücher gelesen zu haben. - Eine weitere Möglichkeit, mit diesen Büchern umzugehen: mein durch einen Sportunfall verstorbener Sohn Sebastian wollte Filme machen wie sein Vater, aber natürlich ganz anders. Eines Tages entdeckte ich auf seinem Schreibtisch das Buch von Syd Field. Später erzählte er, er habe das Buch nach 20 Seiten Lektüre in die Mülltonne geworfen. 2009 erhielt er posthum - trotz oder gerade wegen des Verzichts auf die Rezepte von Syd Field und Co. - für seinen Kurzfilm "Brief an einen Freund" den Publikumspreis von Venedig. 

3) Neben Kino spielt sich der Großteil der Fiktion in Deutschland vor allem im Fernsehen ab. Fernsehfilme jeglicher Couleur, dazu nochmal ebenso viele Serien: Ist es durch den Einfluss der TV-Anstalten schwieriger, unkonventionelles/innovatives Erzählen erfolgreich zu verwirklichen? Oder ist gerade der Bildungsauftrag der Garant dafür, dass Experimente überhaupt möglich sind?

"Das" Fernsehen besteht aus einzelnen Redakteuren. Darunter gilt es jene zu finden, die glücklich sind, wenn ein Autor/Regisseur ihnen als Person begegnet und nicht als Produktionsmaschine. Den guten Readakteur zeichnet die Fahigkeit aus, herauszufinden, was ein Autor/Regisseur kann und was er nicht kann und ihn so zu beinflussen, dass er bei der Arbeit das Beste aus sich herausholt. Die Leute, mit denen ich beim BR oder WDR gearbeitet habe, sind inzwischen pensioniert oder verstorben. Meinen letzten Spielfilm "Matthäuspassion" habe ich 2006 gedreht. Rund 30 Jahre lang konnte ich das machen, was ich machen wollte. Natürlich kostet das Überzeugungskraft und Mut und - ein Tipp: mit der Besetzung der Hauptrolle zum Redakteur gehen, wenn man ihm das Buch bringt, und:  hoch besetzen. Bei mir waren es u.a. Hannelore Schroth, Marianne Hoppe, Katharina Thalbach, Ortrud Beginnen,  Bernhard Wicki, Ulrich Wildgruber und (früh) Axel Milberg - alles auch Theaterschauspieler, die gerne und selbst zu gedämpften Preisen etwas machen, das sie nicht jeden Tag machen können. Die Castingfrau für die Hauptrollen vergessen, die Leute selbst ansprechen. 

4) Als ich das Kapitel über das Mysterienspiel gelesen habe und ihre Ausführungen bezüglich des "Bildhaften" fiel mir zum einen sofort Bunuels "Obskures Objekt der Begierde" ein, dass Sie ja dann später im Buch auch erwähnen und zum anderen die Filme Emir Kusturicas, der von sich sagt, er mache Filme im Stil einer vergangenen Tradition (er erwähnt immer wieder Fellini als Haupteinfluss).
Ist das von Ihnen beschriebene Kino des Bildhaften ein Kino der Vergangenheit, dessen Ausbreitung im Laufe der letzten Jahrzehnte erstickt wurde und ihr Buch eher ein nostalgischer Blick zurück? 

Polemische Frage, polemische Antwort:  Von wegen nostalgischer Blick! Nostalgisch ist doch der dauernde Rückblick auf das längst gestorbene klassische Drama und den ersten Protagonisten der Hollywood-Story Cecil B. DeMille (v.a. seine Filme aus der ersten Hälfte der 20er Jahre, mit denen er Griffith aus dem Feld schlug). Glaubt denn einer wirklich,  man könne endlos an der Realität, wie sie uns die Naturwissenschften heute zeigen (Näherers dazu in meinem Buch) und die uns in der Literatur, im Theater, im Hörspiel begegnet, vorübergehen als wäre die ganze Welt ein Hollywood-Festival? Glaubt einer wirklich, nur und allein im Film könne man endlos die Welt unter einen Story-Bogen klemmen, wo  Held und Antagonist uns zeigen, wie einfach unsere Realität doch ist. Das Tollste ist dabei die Behauptung,  in der Geschichte der Menschheit habe es nie etwas anderes gegeben! Der ewige Arche-Plot, - wahlweise zum Totlachen oder zum Kotzen! 

5) Ist unsere Zeit vergleichbar mit jener Mitte der 60er in Hollywood, als das Fernsehen begann, dem Kino den Rang abzulaufen und man durch die immer aufwendigere Produktionen das Anathema verlängert hatte? Daraus folgten ja im amerikanischen Kino das vielgelobte "New Hollywood"-Kino der kleinen Filme.

Wir sollten uns nicht immer mit den USA vergleichen, sonderen uns mehr auf unsere eigene Tradition besinnen. Mir scheint aber, dass "New Hollywood" ein relativ übersichtlicher Aufbruch gegen das "klassische" Hollywood war, während heute Internet und Billigkameras dabei sind, das "klassische" Story-Kino zu atomisieren.

6) Paradoxerweise gilt in Deutschland in der letzten Dekade, dass Experimente (wenn überhaupt) eher noch im Fernsehen stattfinden, als im Kino - obwohl das Fernsehen das trägere Medium ist. Da Filme ohne Fernsehgelder nicht mehr  möglich sind, muss man fragen: Bremst sich das Finanzierungssystem von Förderung und TV-Anstalt nicht gegenseitig aus? 

Wir müssen das Geld nehmen, wo wir es kriegen können. Was das Ausbremsen betrifft, so sollten wir vor allem darauf achten, uns nicht selbst auszubremsen. 

7) In Deutschland hat man in den letzten beiden Dekade eine dualistische Sichtweise entwickelt, in der sich "Mainstream" und der alles andere umfassende Begriff "Arthouse" gegenüberstehen. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Wie ist da ihr Buch zu positionieren?

Über diese Frage gibt es ein Extra-Kapitel in meinem Buch. Die beiden Begriffe sind Schlagworte des schnellen Kommerz. Wer hat wohl den Begriff "Arthouse" in die Diskussion gebracht? Doch nicht etwa Ophüls, Bunuel, Fellini oder andere Europäer! Und drehen Kaurismäki, Lars von Trier, Miklos Janscó oder Wong Kar Wai ihre Filme, weil sie "Arthouse" -Filme machen wollen?

8) Wie sehen Sie die Erfolgschancen auf ein erweitertes Bewusstsein für unterschiedliche und neue Arten der Dramaturgie? 

"Neu" würde heißen: gegen das "klassische" Hollywood. Darauf kommt es aber nicht an! Wir müssen unser Ding machen, d.h. es wird viele verschiedene  dramaturgische Ansätze geben, die den Autoren und ihren Themen entsprechen, auch Storys wird es weiter geben, aber ohne die verbindliche Norm zu sein,-  und damit befinden wir uns auf einer Ebene mit einem  (in meinem Buch mehrfach zitierten) Satz der modernen Naturwissenschaft, der sagt, dass man von "Realität " heute gar nicht mehr sprechen kann, sondern nur noch von "Realitäten":-  erweitertes Bewußtsein, hoffen wir das Beste!
-------------

Am 11.Dezember 2011 wird das Buch in der Deutschen Akademie der Künste in Berlin vorgestellt und diskutiert und im November/Januar 2012 im Münchner Filmmuseum (mit anschließender Vorführung von Blanks "Prinzenbad", mit Bernhard Wicki in der Hauptrolle).
Im vergangenen September erschien in "DER FREITAG" ein Porträt zu Richard Blank: Der Paradies-Vertriebene.


Freitag, 21. Oktober 2011

Jeff Nichols: "Take Shelter"

Drehbuchautor und Regisseur Jeff Nichols hat mit seinem ersten Film "Shotgun Stories" zwar nicht den großen kommerziellen Wurf gelandet, aber in Kritikerkreisen für großes Lob gesorgt. Nichols Film wurde vom "Wunderkind" David Gordon Green mitproduziert (ich möchte auch jedem dessen sehr schönen ersten Film "George Washington" ans Herz legen, den Green im Alter von 25 Jahren gedreht hat) , schlägt "Shotgun Stories" in jene Kerbe von jungen amerikanischen Filmen, die abseits der US-Küsten und der Großstädte spielen und im Kleinen, öfter auch eher Ärmlichen nach großen Geschichten suchen (ohne gleich in moralingesäuertem Sozialdrama zu versinken). Neben Jeff Nichols und den ersten Filmen Greens "George Washington" & "Undertow" sollte man auch Scott Teems' "That Evening Sun" (mit einem starken Hal Holbrook) und Debra Graniks "Winter's Bone" hervorheben.
Zurück zu Jeff Nichols: Nachdem er schon in "Shotgun Stories" von der kraftvollen Darstellerkunst seines Hauptdarstellers Michael Shannon profitieren konnte, hat er Shannon auch für seinen neuen Film für sich gewinnen können - "Take Shelter" (Leider noch kein Kinostarttermin für Deutschland), in dem ein Vater langsam von der Furcht zerfressen wird, seine Familie nicht mehr beschützen zu können und ,angeregt durch apokalyptische Träume, beginnt, sich einen Schutzbunker zu bauen.
Der überaus sympathische Nichols spricht mit großem Enthusiasmus über seiner Arbeit am Buch und am Film:



Hier steht Nichols mit seinen Hauptdarstellern Michael Shannon und Jessica Chastain ("Tree of Life") Rede und Antwort:

Donnerstag, 20. Oktober 2011

"Doctor's Diary" wird eingestellt

Seltsam: Da hat man nach Jahren wieder eine erfolgreiche deutsche Eigenproduktion im Senderprogramm und dann scheitert es offiziell an terminlichen Problemen?
DWDL schreibt: " Der berufliche Erfolg, der an der Serie vor und hinter der Kamera beteiligten Personen, machte eine gemeinsame Terminfindung für den Dreh einer neuen Staffel schwierig".
Natürlich gönnt man Bora Dagtekin, Florian David Fritz und Diana Amft den Erfolg außerhalb der Serie, ebenso RTL mit Fictionchefin Barbara Thielen, die dem High Concept Stoff das Vertrauen ausgesprochen haben, ohne es verwässern zu wollen. Nur zeigt es auf der anderen Seite, dass die Serie in Deutschland, selbst wenn sie ein durchschlagender Erfolg ist/war, immer noch nicht genug geschätzt wird - nicht vom Sender, der nicht nachhaltig (großzügig) genug war, aber auch nicht bei den Kreativen, die das Fernsehen nicht als das sehen wollen, was es ist: das Kino mit den meisten Plätzen. Ernüchternd. Hier der Artikel: http://www.dwdl.de/nachrichten/33268/hoffnung_aufgegeben_rtl_stellt_doctors_diary_ein/

Freitag, 14. Oktober 2011

Neues von Ulrich Seidl



Die Filme von Ulrich Seidl sind nicht einfach zu verdauen. Seidl richtet seine Kamera dahin, wo die Gesellschaft ihre sogenannten Leichen bunkert. Das von ihm präferierte Erzählverfahren ist eine übergangslose Mischung aus Fiktion und Dokumentation, so dass bei ihm beide Gattungen austauschbar werden und für den Zuschauer gleichzeitig nah und befremdlich wirken. "Sozialpornograph" wurde er früher gerne beschimpft und das, obwohl seine Dokumentationen wie pessimistische Kehrseitenstücke zu Werner Herzogs Filmen wirken, aber ebenso stark strahlen. Kein Wunder, dass Herzog ihm seinen Kameramann Peter Zeitlinger weggeschnappt hatte und ihn seitdem mit 3 Filmen pro Jahr auslastet, sodass Seidl mittlerweile mit Ed Lachmann erfolgreich zusammen arbeitet.
Treffend ist deswegen auch sein neuestes dokumentarisches Langzeitprojekt "Im Keller", in dem er das Verhältnis der Österreicher zu ihren Kellern beleuchten will (die Projektidee entstand vor solchen Fällen wie Fritzl etc). In der online-Ausgabe des Filmmagazins "Ray" gibt's ein neues Interview mit ihm, wo er außerdem erläutert warum der kommende Episodenfilm "Paradies" auf drei Einzelfilme erweitert wurde: Seidl-Interview

Sonntag, 2. Oktober 2011

David Simon Lecture

Nachdem nun David Simons Buch "Homicide" endlich auch in der deutschen Übersetzung erschienen ist, findet man im Folgenden (dank einem Blog-Eintrag beim Filmmagazin Cargo) eine lecture des "The Wire", "The Corner", "Generation Kill" und "Treme"-creators:


Frank Porter Graham Lecture 2011 with David Simon from James M. Johnston Center on Vimeo.

PS: Bevor "The Wire" auf der Bildfläche erschienen ist, gab es in den 90ern bereits eine Serie, die auf David Simons Buch basiert. Der Autor Paul Attanasio ("Quiz Show") kreierte "Homicide - Life In The Streets" in einer realistischen Weise (und vom Tonfall her näher an Simons Buch als "The Wire"), die ein wenig den "docu-fiction"-Ansatz vorweg nimmt und ebenfalls uneingeschränkt zu empfehlen is.t